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„Ich bin ein sehr guter Dieb“

Bild: Simon Tanner

CONSTANTIN SEIBT ist einer der Besten im deutschsprachigen Journalismus. Dabei hat er alles, was er kann, von einem Werber gelernt.

Dominik Imseng beneidet, 23. Mai 2015

Der Grund, warum ich Sie beneide, Herr Seibt, ist Ihre motherfuckitude.
Meine motherfucking was?
Der Ausdruck stammt von der amerikanischen Autorin Cheryl Strayed. Zu motherfuckitude gehört für sie Widerstandskraft, das Hochhalten von Idealen und die Bereitschaft, wenn nötig die ganze Nacht wie ein Tier zu schuften. Sind Sie einverstanden mit meinem Neid? Sind Sie ein motherfucker?
Ich glaube, meine Mutter wäre nicht erfreut, wenn ich jetzt ja sage. Und die Nächte mache ich nur durch, weil ich es vorher einfach nicht schaffe. Auch für das Hochhalten von Idealen bin ich eigentlich nicht sehr bekannt. Ich glaube, dass man Ideale besser nicht zu 100 Prozent hochhält, da sie sonst brechen können – aus Müdigkeit oder aus Ernüchterung. Ich bin darum ziemlich flexibel mit meinen Idealen, so halten sie länger.
Dazu passt, dass Ihr journalistisches Vorbild ein Werber ist: Howard Luck Gossage. Ist das nicht so, als wäre Hitler das Vorbild eines Pazifisten?
Überhaupt nicht. Ich habe eigentlich alles, was ich über den Journalismus weiß, von Howard Luck Gossage gelernt. Er hat in den 1960er-Jahren extrem lange Werbetexte geschrieben und manchmal einfach mitten im Satz aufgehört, um in der nächsten Woche mitten im Satz fortzufahren. Als ich das sah, wusste ich, wie Journalismus zu machen ist. Man muss einfach schreiben, was einen interessiert, dann interessiert es auch die Leserinnen und Leser. Meine größten Hits – jedenfalls online – waren immer ellenlange Artikel über an sich exotische Themen, die mich aber interessierten. Der Artikel, der beim „Tages-Anzeiger“ alle Zähler gesprengt hat, waren 25’000 Zeichen über die Gemeinderatswahlen in Reykjavik. Nicht gerade das Thema, von dem man erwarten würde, dass es zum Viralhit wird.
Worum ging es in der Geschichte?
Mitten in der brutalsten Wirtschaftskrise wurde in Reykjavik Jon Gnarr zum Bürgermeister gewählt: ein Komiker – und die Stadträte waren lauter Punkrocker. Das hat mich interessiert: Wie regieren Punks eine Hauptstadt? Das Ergebnis: Nach vier Jahren war das Budget von Reykjavik saniert. Mit fast 50’000 Likes auf Facebook hat der Artikel wirklich hingehauen. Darum glaube ich, dass Howard Luck Gossage Recht hatte. Schreib das, was dich wirklich interessiert, und die Leute werden dein Produkt kaufen – oder in meinem Fall den Artikel lesen. Dieses Selbstbewusstsein, diese Frechheit, sich etwas herauszunehmen, ist das Wichtigste, was man als Journalist lernen kann.
Sie fordern auch, dass Journalisten „ein reines Herz haben“. Was heißt das?
Ein Journalist muss immer in zwei Richtungen recherchieren. Nach außen in die Welt: Was sind die Fakten? Und nach innen, in das eigene Herz hinein: Was bedeuten mir diese Fakten? Was von all dem Zeug hat mich wirklich verblüfft, bewegt, etwas angegangen? Diese zweite Recherche ist lächerlicherweise genauso aufwändig wie die erste. Aber wenn man weiß, was einem die Fakten bedeuten, dann hat man die Chance, einen wirklich guten Text zu schreiben.
Ein Beispiel, bitte.
Nehmen wir an, dass man etwas über Einkommensungleichheit schreiben muss. Als Fakten hat man die üblichen Statistiken: Kapital wird immer wichtiger, Arbeit immer ersetzbarer. Das oberste Prozent macht in westlichen Nationen immer mehr Geld, der Mittelstand fällt zurück. Darüber könnte man jetzt schreiben. Wenn man sich dann aber fragt: „Was bedeutet es für mich, dass aus einer Demokratie eine Oligarchie wird? Wie fühle ich mich dabei?“, dann kommt man zum Beispiel darauf, dass all die Erfahrungen, die man gemacht hat, bald nichts mehr wert sind. Weil die Welt der breiten Mittelklasse, in der man aufwuchs, untergegangen ist. Man lebt dann also wie ein russischer Aristokrat in Paris nach der bolschewistischen Revolution. Man trinkt nur noch Tee und kann nichts mehr zur Welt sagen, weil diese Welt eine andere geworden ist. Darum habe ich meinen Artikel über Einkommensungleichheit als Brief an mein Baby geschrieben: „Kind, was kann ich dir noch raten, wenn alle meine Erfahrungen aus einer anderen Welt stammen?“ Das hat einen ganz anderen Impact, als wenn man einfach abliefert, was alle von einem erwarten. Wir Journalisten sollten die Menschen in unser Herz schauen lassen. Denn Fakten allein sind noch keine Geschichte. Journalismus ist ein Existenzialismus.
Sind Sie ein Schriftsteller, dem keine eigenen Stoffe einfallen und der deshalb Journalist geworden ist?
Meine Fantasie ist tatsächlich begrenzt. Aber ich bin ein sehr guter Dieb und klaue nur an den ersten Adressen: Stile, Zitate, Ideen. Ich bin stolz darauf, praktisch zu null Prozent originell zu sein, aber die Mischung macht’s. Ich bin auch ganz glücklich darüber, nicht Schriftsteller geworden zu sein. Denn eigentlich bin ich ein schüchterner Mensch, der seine Kindheit mit Abenteuerbüchern auf der Toilette verbracht hat. Der Journalismus zwingt mich immer wieder, rauszugehen und mit Leuten zu reden. Er zwingt mich dazu, ein abenteuerliches Leben zu führen. Und das finde ich schon ziemlich klasse, wenn ein Job das mit einem macht.
Was ist die größte Komödie, über die Sie je geschrieben haben? Was die größte Tragödie?
Normalerweise ist die Wirklichkeit ja eine schlechte Drehbuchautorin. Sie zieht die Geschichten in die Länge, vermasselt die Pointen, belohnt die Bösen oder was auch immer. Aber beim Swissair-Prozess, den ich während sechs Wochen begleitete, hat die Wirklichkeit echt perfekt gearbeitet. Die Swissair-Geschichte ist ja auf mehreren Ebenen ein großartiger Krimi. Eine 13-Milliarden-Franken-Leiche und die Frage: Wer war’s? Gleichzeitig ist sie aber auch die perfekte griechische Tragödie. Der Mann, der immer der Controller mit dem Rotstift war, Philippe Bruggisser, fing plötzlich an, wie wahnsinnig Geld auszugeben. Die Gebete des Regierungsrats, der sagte, „Politik langweilt mich, ich möchte den scharfen Wind der Wirtschaft spüren“, wurden erhört: Eric Honegger wurde Swissair-Chef, beging in wenigen Monaten zwei furchtbare Fehler und wurde gesellschaftlich geächtet. Dann kommt der Held, Mario Corti, der eigentlich keine Chance hat. Wie der Cowboy im Film hat er nur die Leidenschaft seines Herzens und kämpft wie ein Löwe – doch die Swissair geht trotzdem unter. Das sind unglaublich gut gebaute Tragödien, und gleichzeitig war es auch noch eine nationale Tragödie und ein Paradigmenwechsel, denn die alte Wirtschaftselite fiel mit der Swissair. Diesen Stoff hat die Wirklichkeit so unglaublich perfekt gebaut – nicht mal ich konnte den noch vermasseln.
Einverstanden, dass man Leuten nicht beibringen kann, wie sie gut schreiben, sondern nur, wie sie weniger schlecht schreiben?
Das glaube ich nicht. Wobei das Wichtigste beim Schreiben nicht einmal die technischen Tricks sind. Sondern Aufrichtigkeit. Dass man den Leuten den Rücken stärkt, ihnen Sicherheit gibt, sie ermuntert, einfach nur sich selbst zu trauen. Dann werden einige Leute unglaublich gut – auch solche, von denen man es nie erwartet hätte. Aber da es in den Redaktionen kaum mehr Mentoren gibt, passiert das sehr selten. Meist wird eher abgefüllt, und das ist eine der Tragödien im heutigen Journalismus. Der Aufwand für schlechte Arbeit ist fast gleich groß wie der für gute Arbeit. Darum finde ich es Zeitverschwendung, wenn man schlechte Arbeit macht.
Der Journalist Christof Moser hat Ex-Kollegen, die in die PR gewechselt haben, als „Verräter“ bezeichnet. Das zeugt von einem ziemlich romantischen Verständnis von Journalismus.
Nun, zum Teil ist es eine Pointe. So ein finsteres letztes Urteil macht Spaß. Allerdings würde ich nicht das Wort „Verräter“ verwenden. Bei mir ist es eher so, dass ich den Wechsel der Kollegen in die PR-Branche nicht verstehe – außer natürlich, man lebt für die Familie weit leidenschaftlicher als für den Beruf. PR mag zwar ein besserer Nine-to-five-Job sein. Aber sobald du in der PR arbeitest, machst du ein Nacktbad im Haifischbassin. Alle möglichen Leute spucken dir in die Suppe und am Schluss kommt irgendein Kompromiss heraus. Und das würde mir eher wenig Spaß machen. Wenn ich jetzt Sprecher von jemandem wäre oder wenn ich versuchen würde, eine Kampagne für jemanden zu machen, dann wäre das eine Aufgabe, die mir Spaß machen würde – aber nur, wenn man mir volle Freiheit lassen würde.
„Magie beim Schreiben entsteht immer dann, wenn die Sprache das Maximum ihrer Möglichkeiten ausreizt. Als Gegenwelt zur Realität und als ihr genauester Ausdruck.“ Einverstanden, dass das der schönste und klügste Satz in Ihrem Buch „Deadline“ ist?
Keine Ahnung, aber ich mag den Satz auch. Sprache will ja tatsächlich die Dinge fassen. Und je genauer sie diese fasst, desto besser. Auf der anderen Seite ist Sprache aber auch der Gegenspieler der Wirklichkeit. Es ist kein Zufall, dass alle Typen, die im Schulhof Dresche bezogen haben, Journalist oder Schriftsteller geworden sind. Weil man sich so an der Welt rächen kann. Denn am Schluss bleibt das, was in Sprache gefasst worden ist. Am Schluss bleiben von den Leuten, die regieren, nur die Geschichten, welche die Jungs über sie erzählen, die im Schulhof verprügelt wurden. Am Schluss siegen die Nerds über die Wirklichkeit. Das ist schon eine gelungene Rache.
Hat ein Journalist des Jahres Groupies?
Man hat schon Groupies, irgendwie, aber die sind samt und sonders über 60 Jahre alt. Und die meisten davon sind männlich. Die Rentner von Zürich haben einen neuen Trick herausgefunden, wie man Journalisten trifft: Sie melden sich unten am Empfang und sagen, dass sie eine sehr wichtige Enthüllung hätten. Wenn man dann runterkommt, erklären sie einem die Weltlage. Und dann leihen sie einem ein Buch zur Recherche aus. Worauf sie dann in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder anrufen, ob man das Buch nun schon gelesen habe. Und wenn man es dann zurückgibt, bekommt man ein neues Buch. Das sind so die Groupies, die man als Journalist des Jahres hat. Das hat man sich mit 20 noch anders vorgestellt.
Wie halten Sie mich davon ab, als Überschrift für dieses Gespräch „Constantin der Große“ zu wählen?
Ich würde mal sagen, das entspricht nicht den Fakten. Und ich kenne mich ziemlich genau. Es ist ja so: Du schreibst was und du verhaust es. Und du versuchst es wieder und verhaust es erneut. Und dann fragst du dich, wer könnte daran schuld sein? Und du kommst drauf, dass es niemand anders außer du selbst sein kann – und dass deine Arroganz und deine Unfähigkeit nun endgültig entlarvt worden sind. Du scheiterst eigentlich jedes Mal ein paar Mal, bevor du mit einem Text durchkommst. Und wenn du dann Glück hast und der Text gelingt dir und du hast das Gefühl, du bist ein brillanter Junge, du bist das Tier, dass es zu schlagen gilt, und du machst dich mit Imperatorhaltung an den nächsten Text, dann fliegst du sowas von auf die Nase. Und dann hast du es wieder mal gelernt, dass du eben nicht der Große bist.
Haben Sie den Satz schon geschrieben, der auf Ihrem Grabstein stehen soll?
Es ist mir neulich ein kleines Gedicht von Heine eingefallen, das mir immer mehr gefällt, aber es hüpft etwas zu sehr, um auf einem Grabstein zu stehen. Es heißt: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht und küsse die Marketenderin! Das ist die ganze Wissenschaft, das ist der Bücher tiefster Sinn.“ Und ich denke, das hat was. Dass man das Maul aufmacht und sich dann erst darum kümmert, was passiert. Dass man sich auf den Marktplatz begibt. Dass man die Marketenderin küsst. Und dass man sich nicht fürchtet. Ich glaube, das ist der Job, den wir zu tun haben. Sich nicht fürchten vor dem Aktenberg, sich nicht fürchten vor der Macht, sich nicht fürchten vor dem Chefredakteur, sich nicht fürchten vor einer neuen Form, sich nicht fürchten vor dem Scheitern. Ein Journalist muss, wenigstens zeitweise, frei von Furcht sein. Und er muss dafür sorgen, dass sich auch die Menschen weniger fürchten, schlicht durch sein Beispiel. Weil sich da einer etwas zu sagen getraut hat. In jedem guten Text, der die Leute hinreißt, ist ein Schuss Kühnheit drin, auch wenn es nur die Kühnheit ist, „ich“ zu sagen. Oder genau zu sein. Oder in sein Herz zu sehen. Darum hoffe ich, dass ich irgendwann mal im Leben frei von Furcht sein werde. Am Schluss ist es die Unverschämtheit, die Furchtlosigkeit, die das wichtigste ist im Journalismus. Und im Leben.

License

„Ich bin ein sehr guter Dieb“ Copyright © 2018 von Dominik Imseng. Alle Rechte vorbehalten.

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