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„Good news sell too“

Bild: Andri Pol

Für GUIDO MINGELS vom „Spiegel“ scheitert der Journalismus an einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit. Seine Kolumne „Früher war alles schlechter“ gibt Gegensteuer.

Schweizer Journalist, 20. Februar 2018

Verflixt, Herr Mingels: Von welchen Vorbildern hätte ich lernen müssen, um heute wie Sie für den „Spiegel“ zu schreiben?
Möchten Sie denn für den „Spiegel“ arbeiten?
Lieber als für den „Schweizer Journalist“.
Mein Weg zum „Spiegel“ war wenig zwingend, eher ein glücklicher Zufall. Und was meine Vorbilder betrifft, fällt mir auf, dass ich schon mehrfach das Privileg hatte und auch noch habe, mit ihnen zusammenzuarbeiten – teils sogar als Vorgesetzter. Ich möchte Erwin Koch nennen, der mich schon fasziniert hat, als ich noch kein Journalist war, und der einigen Anteil daran hat, dass ich einer werden wollte. Außerdem ist Koch wie ich Luzerner und wohnt, glaube ich, bis heute nur ein paar Täler von meinem Heimatdorf entfernt. Ich dachte, wenn einer aus Hitzkirch das schafft, dann kann es einer aus Dagmersellen auch. Ein paar Jahre später war dann Koch ein Kollege beim „Magazin“. Zwei weitere Helden von mir, Barbara Supp und Alexander Smoltczyk, gehören heute zu einem Team von „Spiegel“-Reportern, dem ich als stellvertretender Ressortleiter vorstehe. Ich redigiere also die Texte meiner Vorbilder. Natürlich ist da meist wenig zu tun. Mein erstes Vorbild aber war Christine Nydegger.
Christine wer?
Sie war Ressortleiterin Lokales bei der „Berner Zeitung“, wo ich meinen ersten Job hatte. Abgesehen davon, dass sie eine sehr angenehme und integre Chefin war, hatte sie das Talent zu erkennen, wo die Stärken ihrer Leute lagen – um sie dann einfach machen und auch mal scheitern zu lassen. Ich durfte bei ihr ziemlich spinnertes Zeug machen und habe dabei meine Lust entdeckt, mit Formen und Sprache zu spielen, auch wenn diese ersten Versuche nicht ohne Peinlichkeit waren. Christine Nydegger hat, glaube ich, bei so einigen Leuten den Grundstein für gute Karrieren gelegt.
Sie haben beim „Magazin“ und auch beim „Spiegel“ große Reportagen über große Tragödien geschrieben. In den letzten Jahren fallen Sie aber eher mit der Kolumne „Früher war alles schlechter“ auf – kurze Texte über Verbesserungen auf der Welt. Ein weiter Weg.
Mein Blick auf die Welt hat sich tatsächlich geändert. Ich habe ja viele Geschichten aus ärmeren Weltgegenden gemacht: Indien, Afghanistan, Kambodscha, Südamerika. Ich wollte die Geschichten von Menschen in Notlagen erzählen. Allerdings ist es mir mehrmals passiert, dass die Leute lieber von ihren Erfolgen berichteten als von ihrem Elend. Ein Bangladeschi auf einer Baustelle in Dubai, den ich über sklavenartige Arbeitsbedingungen befragte, erzählte mir, dass er hier zehnmal so viel verdiene wie zuhause und mit dem Geld seiner Tochter eine Ausbildung zur Krankenschwester finanziere. Darauf war er sehr stolz. Irgendwann stieß ich dann auf die YouTube-Vorträge von Hans Rosling, dem schwedischen Entwicklungsexperten, die voller solcher Erfolgsgeschichten sind und diese mit Zahlen und Fakten eindrücklich belegen. Mir wurde klar, dass sich die Lebensbedingungen für den überaus größten Teil der Menschheit seit langer Zeit beständig verbessern. Ich habe dann Rosling für den „Spiegel“ porträtiert. Und daraus entstand die Idee für eine Rubrik.
Dort bringen Sie jetzt jede Woche eine neue gute Nachricht. Außer einer: Der Journalismus, sagen Sie, scheitert an einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit.
Das glaube ich mittlerweile, ja. Der Journalismus zeigt die Welt in einem zu dunklen Licht, weil Journalisten sich in der Regel ausschließlich für Probleme interessieren. Sie wollen Missstände aufdecken und Opfer in den Fokus rücken. Das ist natürlich sehr wichtig und unverzichtbar. Die Rolle der Medien als vierter Gewalt oder als „Wachhunde der Demokratie“ will ich auf keinen Fall in Frage stellen. Doch dadurch reduziert sich die mediale Wahrnehmung der Wirklichkeit auf den Ausnahmefall. Zum Beispiel auf den einen Flugzeugabsturz statt auf die immer höhere Sicherheit der Luftfahrt. Auf den einen schrecklichen Mordfall statt auf die sinkende Mordquote. Auf den einen Kriegsschauplatz statt auf die vielen Nationen, die in einem langen Frieden leben und in denen der Wohlstand steigt.
Und dieser Fokus auf den Ausnahmefall ist ein Problem?
Meiner Meinung nach schon. Wenn der journalistische Blick denjenigen Teil der Wirklichkeit ausblendet, der sich zum Besseren entwickelt, führt das zu einem Zerrbild der Welt. Mit fatalen Folgen. In den USA ist ziemlich klar belegt, dass die Leute, die auf die populistische Kampagne von Donald Trump ansprachen, der Überzeugung sind, dass früher alles besser war. Schon der Trump-Slogan „Make America Great Again“ geht davon aus, dass es Amerika früher besser ging, dass es irgendein goldenes Zeitalter gab, zu dem man zurückfinden müsse. Das ist aber objektiv falsch. Dass diese nicht der Realität entsprechenden Gefühle bei den Leuten dennoch so verbreitet sind, hat auch mit der überwiegend pessimistischen Berichterstattung der Medien zu tun. Wenn man von früh bis spät vorgeführt kriegt, wie scheiße die Welt ist, dann glaubt man das irgendwann. Der Journalismus nutzt ja letztlich ganz ähnliche Kommunikationsmuster wie der Populismus. Beide arbeiten mit Alarmismen und Warnungen. Sicher, die Drohszenarien der Populisten sind oft blanke Lügen – diesen Vorwurf will ich den Medien nicht machen. Ich werfe ihnen aber die einseitige Auswahl und eine einseitig negative Interpretation der Fakten vor.
Die Journalisten präsentieren einseitige Wahrheiten?
Einseitige Wahrheiten, die zu einseitigen Wahrnehmungen führen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich die Sichtbarkeit des Unglücks in der Welt durch das Internet enorm erhöht hat. Hier findet eine unheilvolle, gegenläufige Doppelbewegung statt: Während es der Menschheit in Wahrheit immer besser geht, werden gleichzeitig die globalen Probleme, die es weiterhin gibt, immer besser sichtbar. Ein Krieg wie der in Syrien hätte in den Siebzigerjahren niemals so viel Aufmerksamkeit erfahren können – wobei ich uns die damalige Intransparenz der Welt natürlich nicht zurückwünsche. Aber gerade die Siebzigerjahre waren womöglich die schlimmste Dekade in der Geschichte der Menschheit. Niemals davor und danach litten mehr Menschen an Hunger und bitterer Armut. Die Weltpresse gab einem damals aber nicht das Gefühl, dass das Ende der Welt bevorsteht.
Man freute sich eher über die nackten Damen auf dem „Stern“.
Heute ist das völlig anders. Wir sind immer live dabei. Nicht zuletzt wegen der Handykameras. Das hat man ja etwa im Arabischen Frühling gesehen, als die Demonstranten nicht nur Ausschreitungen filmten, sondern auch die Brutalität der Sicherheitskräfte dokumentierten. Wobei diese Unmittelbarkeit natürlich auch überfordern kann. All diese Schreckensbilder von Bürgerkriegen, Dürren, Erdbeben und so weiter. Das führt ja auch zu einer gewissen Ohnmacht und Entfremdung. Und nicht zuletzt führt es zu Ängsten. Viele Leute sind überzeugt, dass alles den Bach runtergeht, und fürchten, dass das, was sie in den Nachrichten sehen, bald auch zu ihnen kommt. Mit meiner Kolumne versuche ich, einen bescheidenen Gegenbeitrag und ein Stück Aufklärung zu leisten.
Wie ist denn konstruktiver Journalismus überhaupt zu machen? Journalisten wollen ja gute Geschichten erzählen. Und eine gute Geschichte lebt nun mal von einem Drama.
Den Begriff des konstruktiven Journalismus mag ich nicht besonders, auch wenn ich seine Ziele für richtig halte. Ich habe leider kein besseres Wort anzubieten, aber „konstruktiv“ klingt für mich zu aktivistisch, zu anwaltschaftlich. Als wäre der Journalismus nun plötzlich eine Art NGO, die Hilfeleistungen anbietet. Letztlich geht es doch einfach um eine umfassende Darstellung der Wirklichkeit. Ein Anfang könnte sein, dass die Entscheider in den Medien realisieren: Good news sell too. Man weiß ja inzwischen, dass Inhalte, die positive Entwicklungen aufzeigen oder Lösungen präsentieren, überdurchschnittlich stark geklickt und geteilt werden. Auch das positive Echo auf meine Kolumne und auf das Buch, das aus ihr entstanden ist, zeigt mir, dass ich nicht in ein schwarzes Loch sende.
Und doch arbeiten Sie in der Hochburg des Griesgram-Journalismus: beim „Spiegel“. Wohingegen die „Zeit“ eher auf konstruktiven Journalismus setzt.
Ich nehme die „Zeit“ nicht als konstruktiver wahr als den „Spiegel“. Sie ist weniger alarmistisch, das stimmt. Sie ist für mich auch weicher und verspielter als der „Spiegel“, nimmt stärker Alltagsthemen in den Blick, kümmert sich um die Gefühle der Menschen. Die „Zeit“ ist auch eher ein einordnendes Meinungsblatt – mehr viewspaper als newspaper. Das ist aber nicht unbedingt das, was ich mir unter einem Journalismus vorstelle, der sich für eine realistische Darstellung der Wirklichkeit einsetzt. Es sind vielmehr gerade die harten Themen wie Terrorismus, Migration, Demographie oder Populismus, wo man das Gesamtbild und die Langzeitperspektive einbringen muss. Wie hat sich dieses oder jenes Problem tatsächlich entwickelt? Da vermittelt der „Spiegel“ doch häufig ein sehr umfassendes, faktengetreues Bild.
Ist Journalismus überhaupt das richtige Gefäß für Langzeitperspektiven? Schreibt man da nicht besser ein Sachbuch?
Ich glaube nicht, dass es die Komplexitätsstufe eines Buchs braucht, um ein umfassendes Bild der Wirklichkeit zu zeichnen. Das ist in allen Konfektionsgrößen möglich. Und auch nicht nur mit dem Hinweis auf positive Langzeitentwicklungen. Ich habe zum Beispiel mal eine Geschichte über einen indischen Herzchirurgen gemacht, der neue Methoden entwickelt hat, um teure Operationen viel kostengünstiger durchzuführen. So günstig, dass sich sogar arme Inder eine Herzoperation leisten können. Devi Shetty heißt der Mann. Dabei habe ich auch einen Jungen in einem Slum besucht, der dank Shetty noch am Leben ist.
Aber ist das nicht Wohlfühljournalismus? Und irgendwie auch langweilig?
Das ist eine zynische Einschätzung. Der Mann rettet Tausende Leben. Ich halte das für erzählenswert. Und wie gesagt: Ich plädiere auch keineswegs für lauter Good News. Sondern dafür, dass es nicht nur Bad News gibt. So könnten Journalisten sich zum Beispiel fragen: Wie viele Menschen betrifft eigentlich das Problem, über das ich berichte? Ist das ein großes Problem, verglichen mit anderen Problemen? Ist das Problem gewachsen, nicht nur gegenüber dem Vorjahr, sondern in den letzten 10, 20, vielleicht sogar 50 Jahren? Oder nicht doch eher kleiner geworden? Diese Langzeitperspektive blenden die meisten Journalisten aus. So wie ich das früher auch gemacht habe. Ich komme ja aus dem Reportage- und Feature-Journalismus, wo ein Einzelfall sehr tief ausgeleuchtet wird. Wenn ich auf meine früheren Geschichten zurückblicke, muss ich heute oft sagen, dass die Texte nicht sehr viel über die Relevanz des jeweiligen Themas aussagten. Ich habe zum Beispiel mal eine dreiteilige Serie über einen sadistischen Sexualmörder gemacht, in der man viel über menschliche Abgründe erfuhr. Ich erwähnte dort aber nirgends, wie viele Morde bei uns jährlich geschehen. Und dass diese Zahl seit langer Zeit sinkt. Ich habe also sehr viel Platz und Energie aufgewendet, um ein ungeheuer seltenes Verbrechen zu beschreiben. Ich habe aber nirgends geschrieben, dass die Menschen noch nie so sicher waren vor solchen Tätern wie in der Gegenwart. In meiner Kolumne mutmaßte ich einmal, dass bezüglich Gewaltkriminalität womöglich ein umgekehrt proportionales Gesetz vorliegt: Je weniger echte Morde in einem Land, desto mehr fiktive. Jamaika hat mit 45 Fällen pro 100’000 Einwohner pro Jahr eine der höchsten Mordraten der Welt, ist aber nicht für eine florierende Krimiproduktion bekannt. Skandinavische Länder hingegen, die mit Werten von weniger als einem Tötungsdelikt pro 100’000 Einwohner pro Jahr mit die tiefsten Raten weltweit aufweisen, sind berühmt für ihre besonders blutrünstigen Crime-Autoren.
In Ihrer Kolumne geht es viel um Zahlen und Daten. Darüber berichtet doch schon das Bundesamt für Statistik.
Das Bundesamt für Statistik hat aber nur eine Pressestelle, es gibt keine Massenmedien heraus und beeinflusst darum unser Bild der Wirklichkeit nur gering. Nochmal: Wir können nicht nur über das berichten, was schief läuft in der Welt. Zumindest dann nicht, wenn die Konzentration auf das negative Ereignis – auf die kurze Abwärtsbewegung in einer insgesamt ansteigenden Kurve – zu einer Verzerrung des öffentlichen Diskurses führt. Ich sehe das an den Leserbriefen zu meiner Kolumne. Sicher, ich bekomme viel erbauliche Post, aber auch viel wütende. Von Leuten, die es einfach nicht gewohnt sind, dass die Medien über Verbesserungen berichten. Und die dann denken, ich würde was ausblenden. Obwohl ich ja gerade das Gegenteil mache: Ich nehme einen viel breiteren Ausschnitt der Wirklichkeit in den Blick.
Die Leute vermissen das Sponsoring-Logo?
Oder sie vermuten unlautere Absichten, einen beschönigenden Blick. Gerade das Thema Kriminalität ist so ein Fall. Die meisten Menschen sind fest davon überzeugt, dass sie eine der großen Geißeln der Gegenwart ist. Und wenn ich dann zeige, dass insbesondere Gewaltkriminalität oder Jugendkriminalität enorm rückläufig ist, auch in den reichen Ländern, dann wollen viele das nicht glauben, weil sie lieber in ihren negativen Vorurteilen bestätigt werden. Das ist für mich ein Hauptreiz der Kolumne: Zu zeigen, es ist nicht so, wie ihr denkt, es ist in Wahrheit andersrum. Oder komplizierter.
Finden Sie mit Ihrer Haltung beim „Spiegel“ Zuspruch?
Ich habe weder den Anspruch noch die Position, den „Spiegel“ in eine andere Richtung zu drehen, wenn Sie das meinen. Was ich tun kann, ist, bei der Diskussion von geplanten Geschichten meine skeptischen Fragen einzubringen: Ist es wirklich so, dass wir in einem Zeitalter noch nie dagewesener Massenmigration leben? Trifft es wirklich zu, dass Deutschland unter epidemischen Hauseinbrüchen leidet, im Vergleich etwa zu früheren Jahrzehnten oder anderen Ländern? Ich versuche, eine Inspiration zu sein, und ich bilde mir ein, dass meine Argumente da und dort in Geschichten ihren Niederschlag finden. Schon die Tatsache, dass meine Kolumne gedruckt wird, dass mittlerweile etliche andere Autoren ebenfalls für sie schreiben und dass auch meine größeren Geschichten, die derselben Denkrichtung folgen, im „Spiegel“ Platz finden, zeigt doch die Offenheit des Hauses. Im letzten Jahr schrieb ich einmal einen Essay über die gefährliche Verführungskraft des Pessimismus, als Überschrift fiel mir „Sagen, was gut ist“ ein. Auch das wurde nicht beanstandet, obwohl es ein Spiel mit dem Rudolf-Augstein-Motto „Sagen, was ist“ war, ein Leitspruch, der im „Spiegel“-Foyer in stählernen Lettern an die Wand geschraubt ist.
Und doch zeigt gerade das Beispiel Augsteins, was der Beruf des Journalisten für Leute anzieht. Nämlich hochkritische Typen, die in der Regel nicht an das Gute im Menschen glauben. Oder an das Gute in der Welt.
Ich sage nicht, dass es diese Typen nicht braucht, die Stänkerer und Mahner, die investigativen Detektive. Es wird bloß zum Problem, wenn es keine anderen gibt. Viele Journalisten haben tatsächlich das Gefühl, dass eine Geschichte vom Gelingen eine schwächere Geschichte ist als eine vom Scheitern. Auch für meine Vorbilder waren, glaube ich, gute Geschichten stets Leidensgeschichten. Erwin Koch hat wenig anderes gemacht. Auch Cordt Schnibben und Matthias Geyer, die mich zum „Spiegel“ geholt haben, interessieren sich primär für menschliche oder politische Katastrophen. Bei Res Strehle, meinem ersten Chef beim „Magazin“, war das auch nicht anders. Da fällt mir übrigens eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten des „Magazins“ ein. Sie hieß „Untergang einer Katastrophe“. Christian Schmidt beschreibt darin seinen Versuch, zehn Jahre nach einem Tankerunglück vor der spanischen Küste dessen katastrophale Langzeitfolgen zu recherchieren – das kaputte Ökosystem, die kranken Fischer. Er muss dabei aber feststellen, dass es diese Dauerschäden nicht gibt. Der Text handelt davon, wie der Autor von seinen Vorurteilen Abschied nehmen muss, unter dem Druck der Evidenz. Damit wäre auch schon viel gewonnen: Wenn wir Journalisten bei der Recherche nicht ausschließlich nach Belegen für unsere Ausgangsthese suchen würden, sondern uns von der Realität vom Gegenteil überzeugen lassen. Und die Geschichte dann trotzdem aufschreiben. Journalisten sind ja keine Krimiautoren, die alles weglassen müssen, was nicht dramatisch und aufwühlend ist.
Die sonst so pessimistische Sibylle Berg schreibt in der „Republik“ mit „Nerds retten die Welt!“ ihre erste positive Kolumne. Ist konstruktiver Journalismus nicht einfach ein kurzlebiger Trend?
Die Tatsache, dass Frau Berg das jetzt auch macht, deuten Sie als Zeichen des Niedergangs? Ich nicht, ich begrüße das. Und ich glaube nicht, dass die Gegenbewegung zum „Only Bad News Is Good News“-Journalismus schon wieder an ein Ende käme, im Gegenteil. Ich sehe da viele neue Blüten wachsen. Es gibt „The Optimist“, einen Newsletter der „Washington Post“, es gibt „What’s Working“ der „Huffington Post“ oder „Fixes“ auf der „New York Times“-Website – alles Plattformen, die sich vor allem mit Lösungen auseinandersetzen. Und dann gibt es natürlich Ulrik Haagerup, der beim dänischen Rundfunk vorgemacht hat, wie man konstruktiven Journalismus in die Tat umsetzt. Immer wichtiger werden für mich aber auch Informationskanäle, die nicht traditionell journalistisch sind.
Was meinen Sie damit?
Vielleicht muss das Problem der negativen Verzerrung in den Medien auch durch neue Mitspieler im Gesellschaftsgespräch konterkariert werden, und es wäre nicht erstaunlich, wenn diese von außerhalb des Journalismus kämen. Ich habe den Eindruck, dass sich namentlich die Wissenschaft, aber auch der öffentliche Dienst, vermehrt mit eigenen publizistischen Angeboten direkt an das Publikum wenden. Ich lese zum Beispiel sehr gerne den Newsletter „Apolitical“, wo sich lauter Experten über neue Ideen austauschen – etwa zu neuen Verkehrskonzepten in Städten oder zu irgendwelchen Gesundheitsoffensiven. Viele meiner Stoffe für die Kolumne finde ich auch auf der einflussreichen Datenplattform „Our World in Data“ des Oxford-Ökonomen Max Roser, wo eine Unmenge von Grafiken und Statistiken zur Lage der Welt samt Langzeitperspektive versammelt sind. Das hat alles einen ganz anderen Sound als normale Medien, einen anderen Weltzugang.
„Früher war alles schlechter“ heißt Ihre Kolumne – auch der Journalismus?
Das dürfte schwer zu messen sein, aber ich glaube schon. Wann immer ich zum Beispiel für eine Recherche alte „Spiegel“-Texte aus den 1970er- und 1980-er Jahren lesen muss, denke ich: Meine Güte – das hätte man aber heute nicht durchgelassen. Weil diese Texte oft einen seltsamen Ton haben und gerne auch mal ohne überzeugende Argumente wahnsinnig scharfzüngig sind. Ich glaube, das hat mit der damals unangefochtenen Autorität der wenigen Leitmedien zu tun. Dieses Predigtartige, Dorfrichterhafte, dieses „Wir wissen, wie es ist, und erklären es euch jetzt“ – das hat die Presse, glaube ich, früher insgesamt geprägt. Da ist der „Spiegel“ von heute um einiges besser und reifer.

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„Good news sell too“ Copyright © 2018 von Dominik Imseng. Alle Rechte vorbehalten.

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