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„Gott spielt Handorgel“

 

Bild: Julian Hanford

Seit Ende der 1970er Jahre ist HANSPETER „DÜSI“ KÜNZLER als freier Musikjournalist in London stationiert. Ein Gespräch über die Bedeutungslosigkeit der Hitparade, einarmige Schlagzeuger und das beste Album für Sex.

Schweizer Journalist, 29. November 2016

Seit fast 40 Jahren schreiben Sie über Musik, Herr Künzler. Was macht mehr Spaß: Eine Platte zu loben oder zu verreißen?
Ein Lob ist natürlich etwas Schönes. Kürzlich kam ein Typ auf mich zu und meinte, ich hätte 1995 eine Platte der amerikanischen Band Hail empfohlen. Er sei dann an eins ihrer Konzerte gefahren und habe dort seine heutige Frau kennengelernt – wunderbar. Nichts aber übertrifft das Vergnügen, so einen richtigen Verriss zu schreiben.
Gönnen Sie es sich oft?
Viel zu selten. Der Platz für Plattenbesprechungen ist in den Medien ja sehr geschrumpft. Da sollte man die paar Zeilen, die übrig bleiben, nicht zum Abraten, sondern zum Empfehlen nutzen.
Und wie tut man das am besten?
Für mich kommt guter Musikjournalismus ohne Schaumschlägervokabeln wie „ultimativ“ aus. Dann möchte ich etwas über den Hintergrund und die Motivation der Band erfahren. Der Journalist sollte auch nicht einfach alles toll oder alles beschissen finden. Ich erwarte eine gewisse Offenheit und die Fähigkeit, den eigenen Enthusiasmus oder die eigene Ablehnung zu begründen. Grundsätzlich bin ich aber selten in der Situation, dass ich über eine Band schreiben muss, die ich wirklich schlecht finde. In diesem Fall ignoriere ich sie einfach. Mein Problem ist eher, dass ich eine Band von der Musik her mittelmäßig finde, sie dann für ein Interview treffe und danach nicht mehr schlecht über sie schreiben mag.
Warum?
Weil mir die Musiker beim Gespräch sympathisch waren. In so einem Fall gebe ich dann einfach mehr oder weniger wieder, was sie mir erzählt haben.
Sind Sie zu nett für Ihren Job?
Das nicht. Ich finde es einfach einen Unterschied, ob man eine Platte bespricht oder eine Band porträtiert. Bei einer Besprechung kann man durchaus schwere Geschütze auffahren. Bei einem Porträt schreibe ich lieber über die Einflüsse und Ideen der Band und lasse den Leser sich sein eigenes Urteil bilden.
Es muss aber auch schon Musiker gegeben haben, die Ihnen beim Interview unsympathisch waren.
Aber sicher gibt es die. Salif Keïta gehört dazu. Oder Dave Gahan, der Sänger von Depeche Mode. Joe Jackson war ebenfalls sehr unfreundlich. Einmal auch Ringo Starr, aber die nächsten beiden Male war er der Charme und Witz in Person. In der Regel geben sich die meisten Künstler aber Mühe, freundlich zu sein, damit die Musikjournalisten nichts Böses über sie schreiben. Oh, da fällt mir ein: Norah Jones war auch sehr unsympathisch.
Die sieht doch supernett aus.
Aber im Interview war sie eine echte Bitch. Sie können mir glauben, danach habe ich nie mehr Norah Jones gehört. Noch schlimmer als Musiker scheinen aber Schauspieler zu sein. Ich habe einmal Kevin Spacey interviewt. Was für ein arroganter Sack! Filmjournalismus wäre definitiv nichts für mich. Das Theater, das die Filmindustrie um ihre Stars macht, ist unerträglich.
Wie laufen die Interviews mit Filmstars ab?
In der Regel interviewt man die Berühmtheiten nicht allein, sondern sitzt mit ein paar anderen Journalisten in irgendeiner Hotelsuite um einen runden Tisch herum. Das Ensemble ist immer dasselbe und das Stück, das aufgeführt wird, auch: Ein finnischer Boulevardjournalist stochert gnadenlos im Privatleben des Stars. Eine japanische Journalistin, die nicht Englisch spricht, hat einen Dolmetscher dabei und quatscht und quatscht und quatscht. Eine russische Journalistin kann ebenfalls kein Englisch. Und ein deutscher Journalist stellt endlos lange Fragen, auf welche die Antwort eigentlich nur ja oder nein sein kann. Furchtbar.
Sie haben schon Zehntausende von Platten gehört. Welcher Song auf einem Album ist eigentlich meist der beste?
Der erste Song ist fast nie der beste. Das ist einfach der, von dem die Plattenfirma denkt, dass er hilft, die Platte zu verkaufen. Der zweite Track ist schon eher verbindlich. Sehr häufig aber ist der beste Song der zweite auf der zweiten Seite, bei einer CD also die Nummer 7. Wenn dieses Lied schlecht ist, dann meist auch der Rest der Platte.
Also hören Sie nur den siebten Song auf einem Album, um zu wissen, ob Sie es mögen?
Das geht sogar noch schneller. Ich weiß nach den ersten sieben Sekunden, ob mir eine Platte gefällt.
Ich stelle fest, dass wir noch etwas Grundsätzliches klären sollten.
Nämlich?
Sind Blur die bessere Band oder Oasis?
Ganz klar Blur, die machen ja noch immer fantastische Musik. Aber natürlich gefielen mir Mitte der 90er Jahre auch Oasis sehr, mit ihrer wunderbar romantischen Rock’n’Roll-Attitüde: „We don’t give a shit. We are the greatest!“ Zum ersten Mal sah ich Oasis in Köln, wo sie das Publikum verärgerten, weil sie nach ein paar Minuten grundlos die Bühne verließen. Als sie endlich zurückkehrten, hatten sie den Hass von 500 Leuten gegen sich. Wie sie diese negative Energie nutzten, um noch besser zu spielen, und wie sie dadurch das Publikum wieder komplett für sich gewannen, das war schon sehr eindrücklich. Anlässlich dieses Konzerts habe ich übrigens auch mein erstes Interview mit der Band geführt. Eine ziemlich spezielle Erfahrung. Als erstes waren nämlich plötzlich die Kabel meines Aufnahmegeräts durchschnitten.
Der Sabotageakt eines anderen Journalisten?
Da war kein anderer Journalist im Raum. Vielleicht ein Scherz der Band. Als nächstes kam eine Liste mit Drogenwünschen, die der Mann vom Plattenlabel erfüllen musste. Erst danach konnte ich endlich Oasis interviewen, allerdings nur den Drummer. Wahrscheinlich ein weiterer Scherz. Bei späteren Interviews lernte ich aber natürlich auch Noel und Liam Gallagher kennen. Die beiden interviewe ich noch heute regelmäßig. Wir haben schöne Traditionen entwickelt. Noel empfiehlt mir zum Schluss immer ein tolles obskures Album, und Liam macht mir ein Kompliment für die Jacke, die ich gerade trage.
Britpop zeigt gut die Macht der Musikpresse auf. Er wurde von den Journalisten des „New Musical Express“ herbeigeschrieben, die Grunge hassten.
Da ist was dran. Britpop hing aber auch mit dem Aufkommen der CD zusammen. Durch diverse Best-of-CDs englischer Bands entdeckte man damals wieder die eigene musikalische Geschichte der 1960 und 70er Jahre: The Kinks, The Who, Small Faces, David Bowie, T. Rex, natürlich auch die Stones und die Beatles. Suede waren die erste Band, die sich auf dieses musikalische Erbe bezog. Dann kamen sehr schnell Blur, die sich in der Tradition von The Kinks sahen, oder Oasis, die sich bei den Beatles bedienten.
Ein zweiter Grundsatzentscheid: Hat Michael Jackson die bessere Musik gemacht oder Prince?
Prince. Das heißt, ich muss präzisieren: Michael Jackson hat das, was er machte, unglaublich toll gemacht. Aber Prince hat über längere Zeit hinweg immer wieder Neues gewagt.
Sie haben über Michael Jackson ein Buch geschrieben.
Das war ein Auftragswerk, für das ich gerade mal zwei Monate Zeit hatte. Einen Monat recherchieren und einen Monat schreiben. Echt der Wahnsinn. Aber auch sehr, sehr spannend.
Wie kam der Auftrag ausgerechnet zu Ihnen?
Ich war als einer der wenigen deutschsprachigen Journalisten in der O2-Arena in London, als Michael Jackson im März 2009 seine erste Tournee seit 12 Jahren ankündigte. Das war eine absolut unmögliche Veranstaltung. Zuerst wurde man äußerst gründlich auf Waffen untersucht. Dann musste man vier Stunden warten, ohne auf die Toilette zu dürfen. Zu essen und zu trinken gab es auch nichts. Die Pressephotographen waren sogar noch schlimmer dran. Die waren in so eine Art Käfig gepfercht. Als Michael Jackson dann endlich auftauchte, sagte er nicht viel mehr als: „Thank you so much! This is it! I love you all!“ Er sah aus wie Ozzy Osbourne, was ich denn auch in meinem Blog sarkastisch erwähnte. Lustigerweise war es aber genau dieser böse Post, der den Verlag auf mich aufmerksam machte. Ich bin echt vom Glück verfolgt.
Das gilt auch für den Veröffentlichungstermin des Buchs.
Genau. Es sollte gerade in Druck gehen, als ich in Zürich an einer Bar stand und ein Bier trank. Da lief auf einmal ein Typ an mir vorbei, der hemmungslos heulte. Ich fragte ihn, was los sei. Er schluchzte: „Michael Jackson ist tot.“ Darauf musste ich übers Wochenende ein neues Anfangs- und Schlusskapitel schreiben. Aber der Stress hat sich gelohnt. Wir haben 60’000 Exemplare verkauft. Zu Beginn musste der Verlag 24 Stunden nonstop drucken. Einmal ging sogar das Papier aus.
60’000 Bücher ergeben ein hübsches Sümmchen an Tantiemen.
Die Kohle ist leider weg. Unsere Familie brauchte zwei neue Badezimmer.
Der bekannte englische Musikjournalist Jon Savage schrieb kürzlich ein Buch über das Jahr 1966. Nicht genug, dass es fantastische Bands in der Hitparade gab, sie sangen auch Lieder über die Bewusstseinserweiterung durch LSD, für die Bürgerrechtsbewegung oder gegen den Vietnamkrieg. 50 Jahre später sind nicht mehr die Beatles die größte Band der Welt, sondern die Teenie-Idole One Republic. War es je trauriger als heute, die Hitparade zu hören?
Es war tatsächlich nie trauriger, der Tiefpunkt ist erreicht. Es hört aber auch niemand mehr die Hitparade.
Meine Söhne machen das noch. Ihre Töchter doch bestimmt auch.
Nein.
Weil es ihnen ihr strenger Musikkritiker-Vater verbietet?
Überhaupt nicht. In England ist die Hitparade nur noch ein Instrument für Plattenlabels, um ihren Marktanteil abzuschätzen. Musikalisch und kulturell ist sie völlig irrelevant. Neue Songs entdeckt man über andere Quellen, zum Beispiel Facebook. Im übrigen bin ich überhaupt nicht der Meinung, dass die Musik heute schlechter ist als 1966. Jon Savage ist ein arroganter Sack. Ich habe ihn einmal interviewt, als er eine Platte über Punk aus Los Angeles herausgab. Das Gespräch fand in einem englischen Privatclub statt, wie es sich für einen Snob wie ihn gehört. Nicht genug, dass Savage mich die ganze Zeit belehrte, er öffnete auch einfach plötzlich meine Tasche und zog „The Sun“ heraus. „Why the fuck do you buy ‚The Sun?’“, schrie er mich an. Ein typisches Beispiel dafür, wie arrogant die oberen Schichten in England sein können. Das bringt man denen in diesen teuren Privatschulen bei.
Punk feiert gerade seinen 40. Geburtstag. Einverstanden mit der legendären Musikjournalistin Julie Burchill? Sie sagte: „Punk was over in two years. That was the only damn good thing about it.“
Bullshit. Das ist ein typisch englisches Phänomen: Einfach etwas behaupten, um eine Reaktion zu provozieren.
Julie Burchill meint es gar nicht so?
Wenn ja, wäre sie eine dumme Kuh. Okay, Punk als Modephänomen war nach zwei Jahren vorbei. Aber der Philosophie von Punk – dass Perfektion nicht so wichtig ist, dass man einfach sein Ding machen soll – verdanken wir enorm viel. Ich denke da nur an all die unabhängigen Plattenlabels, die damals entstanden sind und die Musikszene enorm bereichert haben. Punk war auch sehr offen gegenüber der schwarzen Musik. Bands wie The Slits oder The Ruts übernahmen Reggae-Elemente, Rip Rig + Panic verbanden Punk mit Jazz.
Nun zu einer wirklich wichtigen Frage.
Und die wäre?
Erklären Sie uns Ihren fantastischen Bart.
Da gibt es nicht viel zu erklären. Ich ließ ihn mir aus purer Faulheit wachsen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich zu rasieren.
Sie haben Ihre Gesichtsbehaarung auch schon als „Hexenbesen“ bezeichnet. Besitzt Ihr Bart Zauberkräfte?
Auf eine Art schon. Wildfremde Frauen wollen ihn berühren, und an der Bar quatschen mich Männer an. Anderseits wird man plötzlich angestarrt oder sogar angepöbelt. In Zürich hörte ich zum Beispiel mal: „Geh nach Hause, Taliban!“
Und wie reagieren die Musiker, die Sie interviewen?
Die ignorieren den Bart komplett. Da fällt mir etwas Lustiges ein. Ich sollte einmal mit Peter Gabriel sprechen.
Ein Kandidat für das dümmlichste Bühnenkostüm aller Zeiten. Er trug einmal eins mit aufblasbaren Hoden.
Tja. Jedenfalls kam Peter Gabriel zum Interview, und ich stellte mit Entsetzen fest, dass ich genau denselben Bart trug wie er. Damals war meiner noch kürzer und spitzer – eben genau wie der von Peter Gabriel. Ich war wie gelähmt und dachte: „Meint der jetzt, ich verarsche ihn, indem ich als sein Klon auftauche?“ Peter Gabriel hat aber nicht mit der Wimper gezuckt. Zwei Jahre später habe ich ihn erneut getroffen und ihm meine Ängste von damals gebeichtet. Er hat sich halb kaputt gelacht und mir ein tolles Interview gegeben. Das hilft natürlich ungemein, wenn dich als Journalist irgendetwas mit einem Star verbindet. Bei einem Gespräch mit Elton John, der einmal Mitbesitzer des FC Watford war, war das das Thema Fußball. Da war auch nicht mehr so schlimm, dass ich mich nach dem Interview verlief und plötzlich in der Suite von Elton John landete. Er hatte gerade seinen Lover auf dem Schoß.
Es kommt Ihnen also bei Ihrer Arbeit als Musikjournalist entgegen, dass Sie auch über Fußball schreiben?
In England sicher.
Weil dort Musik und Fußball zusammengehören?
Seit dem Buch „Fever Pitch“ von Nick Hornby auf jeden Fall. Musik und Fußball mussten in England aber erst zueinander finden. Es gab zwar schon immer Songs über Fußball. Aber Musiker, die wirklich Fußballfans waren, waren lange rar. Die Hippies konnten ja überhaupt nichts mit Fußball anfangen, die fanden ihn zu primitiv. In den 1970er Jahren waren dann aber Rod Stewart und wie gesagt Elton John Fußballfans, und in den 1980er Jahren gab es Bands wie The Wedding Present, die Fußball liebten. Mit Britpop wurde Fußball schließlich vollends hip, denken wir nur an die Leidenschaft von Oasis für Manchester City.
Ehrlich gesagt schreiben Sie ja in der NZZ seit geraumer Zeit mehr über Fußball als über Musik.
Notgedrungen, das Feuilleton der NZZ bezahlt ja fast nichts mehr. In der „NZZ am Sonntag“ bekomme ich für meine Artikel das Dreifache.
Dann zur letzten und wichtigsten Frage.
Ich bin bereit.
Ist alles nur Rock’n’Roll?
Nein, nicht alles ist Rock’n’Roll. Aber Rock’n’Roll ist ein wichtiger Teil von allem.

License

„Gott spielt Handorgel“ Copyright © 2018 von Dominik Imseng. Alle Rechte vorbehalten.

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