Ich tötete Niklaus Meienberg

Bild: zVg

Vor 25 Jahren führte Dominik Imseng das letzte Interview mit NIKLAUS MEIENBERG. Und ließ den großen Journalisten dann wissen, wie man sich am besten umbringt.

Weltwoche, 20. September 2018

Als er dasitzt, am Nachmittag des 27. August 1993 im Restaurant Kropf in der Zürcher Altstadt: eine Plaudertasche. Ihm sei schwindlig, sagt Meienberg und wird den Hut, den er trägt, während des achtstündigen Gesprächs nicht abnehmen.

Anekdoten reihen sich an Anekdötchen. Vor allem über Berufskollegen lästert der große Journalist. Scheißkerle die meisten, Schweinehunde. Noch einmal Salzbrezeln und Bier. Das hilft. Seine Antworten beginnen, sich auf die Fragen zu beziehen. „Wir brauchen eine gescheitere, witzigere Art von Journalismus“, sagt Meienberg. „Reportagen sollen als Geschichten erzählt, persönliche Erlebnisse nicht ausgespart werden. Niemand soll tun, als hätte er die absolute Wahrheit.“

Dann kommt er auf den zweiseitigen Artikel über ihn zu sprechen, der im März 1993 in der NZZ erschien. „Linker Gesinnungsjournalismus“, stand da. „Hohles Dröhnen“. „Ein Gefangener seines Werks“.

„Es wäre anständig gewesen, mir die Möglichkeit einer Richtigstellung zu geben“, sagt Meienberg. „Ich wäre daran interessiert, mit dem Bürgertum – soweit es überhaupt noch existiert – einen offenen Dialog zu führen.“ Er vermutet, dass der Artikel ein Racheakt von NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer war, dessen Ernst-Jünger-Biographie Meienberg im „Spiegel“ verrissen hatte.

Halb zwölf Uhr nachts. Wir schlendern durch die Zürcher Altstadt, Meienberg mit Zigarre. In der Stadelhofer Passage will er bei Roger Schawinski klingeln. „Dass ausgerechnet der jetzt in Max Frischs Wohnung sitzt!“

 

Zwei Tage später, es ist Sonntag, ruft Meienberg an. Ob ich bei ihm vorbeischauen könne? Warum, bleibt unklar.

Wir treffen uns am Bahnhof Oerlikon und schlendern zur Eisfeldstraße 6. Im September 1992 schlugen ihn Nordafrikaner vor der Haustür nieder und traten ihm noch in die Augen, als er schon wie tot am Boden lag.

„Kurz zuvor hatte ich eine kritische Reportage über Esoterik-Seminare im Berner Oberland veröffentlicht“, sagt Meienberg. „Später riefen mich dann mehrere Teilnehmer an und meinten: ‚Dir ist ja wohl klar, wer dich hat verprügeln lassen.‘ In Zürich zwei Schläger anzuheuern, kostet ja tatsächlich nicht viel.“

Nächstes Thema: Meienbergs Motorradunfall in der Nähe von Toulouse im Juni 1993. Einer sei ihm reingedonnert, sagt er. Wer, sei längst bekannt. Irgendein hohes Tier, einer der Unbelangbaren. Morgen müsse er wieder zum Arzt. In der Ecke klebt Meienbergs Visitenkarte aus den Tagen im Pariser „Stern“-Büro an der Wand.

Wir sitzen da und trinken Wein. „Von dem hat mir Max Frisch immer ein paar Kisten zu Weihnachten geschickt.“ Dann breitet Meienberg Korrespondenzen aus, kopiert oder im Original. „Ich will meine Briefe immer zurück, wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist.“ Eineinhalb Kilo Liebesbriefe habe er.

Während Stunden gehen wir Ordner durch – ein Nachlass zu Lebzeiten. Seinen ärgsten Feinden schreibt Meienberg in gedrechseltem Französisch. Weil sie so erst herausfinden müssen, wie sehr er sie verachtet. Dann bringt er eine Kiste voller Zeitungsausschnitte („Hat mir jemand zugeschickt“). „Meienberg, der Starschreiber“, steht da. „Meienberg, das enfant terrible“.

Er schleppt weiter an. Wie eine Katze, die stolz die erlegten Vögel und Mäuse präsentiert. „Hier der Brief von Otto Coninx, 15 Jahre Schreibverbot beim ‚Tagi‘.“ Dann holt Meienberg die Briefe und Faxe hervor, die er im Februar 1991 an Staatsmänner wie François Mitterrand oder Václav Havel schickte, um den Krieg gegen Saddam Hussein zu stoppen. Seiner Überzeugung nach drohte dieser, in einem Dritten Weltkrieg zu enden.

Zuletzt trägt Meienberg Gedichte vor. Apollinaire, den auch seine Todesanzeige zitieren wird, und eigene, aus der „Geschichte der Liebe und des Liebäugelns“. Die Lampe wirft seinen grotesken Schatten an die Wand.

Als ich mich aufmache, es ist fast Mitternacht, murmelt Meienberg zwischen Tür und Angel: „Ein Freund von mir, ein alter Mann, hat Krebs – unheilbar. Er will nicht mehr leben. Weißt du, wie man sich schmerzlos umbringt?“

Warum fragt Meienberg ausgerechnet mich – einen jungen Mann, den er gerade erst kennengelernt hat? Warum ist eine Bekannte von mir Krankenschwester? Warum frage ich sie nach einem Todesrezept? Warum gibt sie mir Auskunft? Warum rufe ich Meienberg ein paar Tage später an und teile ihm das Ergebnis meiner Recherchen mit?

Schlaftabletten, Zäpfchen gegen das Erbrechen, einen Plastiksack über den Kopf.

Wusste ich, dass Meienberg von sich sprach? Natürlich nicht. Fragte ich mich, ob der „alte kranke Freund“ er selbst sein könnte? Ja, das tat ich. Aber der Wunsch, dem großen Autor mit einer Auskunft zu dienen, überwog die Sorge, dass ich ihm helfen könnte, sich das Leben zu nehmen. Indem ich Meienberg eine wichtige Information lieferte, wollte ich dafür sorgen, dass aus unserer Bekanntschaft eine Freundschaft wurde.

 

Schauspielhaus Zürich, 16. September 1993, Premiere einer Neuinszenierung von Schillers Stück „Die Räuber“.

Gegen ein oder zwei Uhr nachts kommt Meienberg in den Keller. Setzt sich zu den Jungen, zu den Frauen. Einmal mehr erzählt er von seinem Töffunfall, von seiner Wunde am Kopf. „So lang war sie.“ Es ist nichts zu sehen.

Als wir uns verabschieden, frage ich ihn, wie viele Belegexemplare er nach Erscheinen des Interviews benötige. „Eineinhalb.“ Nur Tage später nimmt sich Meienberg in seiner Wohnung in Oerlikon das Leben.

Mit Schlaftabletten, Zäpfchen gegen das Erbrechen, einem Plastiksack über dem Kopf.

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Ich tötete Niklaus Meienberg Copyright © 2018 by Dominik Imseng. All Rights Reserved.

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