Jean-Martin Fucking Büttner

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Geistesarbeit im Akkord: Kein anderer Schweizer Journalist schreibt über so vieles so gut wie JEAN-MARTIN BÜTTNER. Gespräch mit einem Unermüdlichen.

Schweizer Journalist, 27. September 2017

Sie sind Doktor der Psychologie, Herr Büttner. Wen oder was analysieren wir zuerst? Sie oder Tamedia?
Ich kenne beide relativ gut. Ich überlasse Ihnen die Wahl.
Dann sprechen wir als erstes über den radikalen Umbau bei Ihrem Arbeitgeber. Kennen Sie schon Ihre Aufgabe im neuen Jahr?
Ich werde – neben manch anderem – bei der neuen „Seite 3“ mit Hintergrundgeschichten aktiv sein, die beim „Tages-Anzeiger“ und beim „Bund“ einen besonderen Akzent setzen wird. Insofern gehöre ich zu den wenigen Privilegierten, die vom Umbau profitieren.
Eine Edelfeder eben.
Was für ein Scheißwort! Ich bin weder dekorativ, noch halte ich mich für etwas Besseres.
Es war als Kompliment gedacht.
Das ist kein Kompliment, sondern eine Beschimpfung. Ein Journalist ist entweder gut oder schlecht. Aber ein adlig Privilegierter, ein vor sich hin meinender Aristokrat im Boudoir ist er mit Sicherheit nicht.
Das sieht Frank A. Meyer anders.
Frank A. Meyer ist ein guter Schreiber. Aber er hat den Fehler gemacht, den viele Bundeshausjournalisten machen: Er wollte nicht nur über Politiker schreiben, sondern sie beraten – er wollte an der Macht mitschrauben. Letzten Endes ist er an seiner Eitelkeit gescheitert, denn Eitelkeit macht beschränkt, vor allem Eitelkeit bei Männern.
Wie ist zurzeit die Stimmung beim „Tagi“?
Schlecht. Und zwar auch deshalb, weil der erneute Abbau auf völlig demotivierende Weise kommuniziert wurde. Wenn Herr Supino gekommen wäre und gesagt hätte: „Hört mal: Wir verlieren jedes Jahr 10% Werbeeinnahmen, aber wir werden zusammen das Beste daraus machen“ oder etwas in diese Richtung, dann wäre die Moral jetzt nicht so am Boden. Ein schlechtes Klima hat fatale Folgen auf die Motivation. Eine Redaktion macht nur dann eine gute Zeitung – was automatisch heißt: unter massiver Selbstausbeutung –, wenn der Verleger ihre Arbeit auch wirklich wertschätzt. Diese Zeitung hat den Verlag groß gemacht. Jetzt wird sie vom Verlag klein gemacht.
Was haben Sie erwartet? Supino ist doch einfach ein Manager. Er könnte auch eine Schraubenfabrik führen.
Das glaube ich nicht. Ich mag ihn eigentlich und spüre durchaus, dass er verlegerischen Ehrgeiz hat. Aber ist er ist eben auch ein Wirtschaftsanwalt, der die Rendite der Tamedia-Aktionäre optimieren muss – ein wohl unlösbarer Konflikt. Immerhin hat er seine Überlegungen an mehreren Informationsveranstaltungen dargelegt und viele kritische Fragen aus der Redaktion beantwortet. Ich möchte dabei nur daran erinnern, dass der „Tagi“ während Jahrzehnten andere Projekte quersubventioniert hat, so etwa den Fernsehsender TV3, der von Anfang an ein Desaster war, oder „Facts“, das „Du“ und die „SonntagsZeitung“. Millionen und Abermillionen, die mit dem „Tagi“ und mit dem Stellenanzeiger verdient wurden, flossen in andere Ventures. Warum sollen jetzt nicht Ricardo oder Homegate den „Tagi“ quersubventionieren?
Weil gedruckte Zeitungen sterben werden.
Das stimmt wohl, und das deprimiert mich. Gleichzeitig frage ich mich erstens: Gibt es keine gesellschaftliche Verantwortung, eine Demokratie zu informieren? Und zweitens: Wie viele Journalisten haben eine Bezahlzeitung abonniert? Wie viele holen sich ihre News nicht ebenfalls gratis aus dem Internet? Wir tragen selbst zu einer Situation bei, die uns am Ende umbringt.
Ein weiterer Widerspruch: Die Journalisten klagen, dass die Verleger nicht mehr in Qualitätsjournalismus investieren. Gleichzeitig wählen sie mit Hansi Voigt einen „Chefredaktor des Jahres“, der ein Spaßportal lanciert, das sich mit Native Ads finanziert.
Das war tatsächlich eine seltsame Wahl, die ich mir mit dem inzestuösen Charakter unserer Branche erkläre. Bei Hansi Voigt stört mich vor allem seine Kritikunfähigkeit, sie hat etwas Weinerliches. Die einzige Form, auf unberechtigte Kritik zu reagieren, ist die rechtliche: mit einer Gegendarstellung oder einem Prozess. Sonst soll man Kritik akzeptieren – vor allem, wenn man selber gerne austeilt.
Was erwarten Sie vom Projekt „Republik“ Ihrer Kollegen Seibt und Moser?
Ich erwarte, dass sie endlich einmal anfangen. Natürlich wünsche ich ihnen das Beste. Was ich aber befremdlich finde, ist, wie sich Constantin Seibt, der ja ein toller Schreiber ist und den ich sehr gut mag, als Retter des Journalismus inszeniert. In den sieben Jahren, in denen Constantin beim „Tagi“ war, engagierte er sich innerhalb der Redaktion verdächtig wenig. Ich messe einen Journalisten am Engagement, das er innerhalb des eigenen Betriebs zeigt.
Dann sind Sie wohl mit sich im Reinen. Seit Jahrzehnten gelten Sie als Stachel im Fleisch der „Tagi“-Chefredaktion.
Quatsch! Ich bin weder besonders mutig noch besonders heldenhaft. Ich mache einfach meinen Job. Ein Journalist muss Missstände kritisieren. Nicht nur solche in der Politik oder in der Gesellschaft, sondern auch solche in der eigenen Redaktion oder im eigenen Verlagshaus. Das habe ich schon immer gemacht – schon mit 28 Jahren als Volontär. Dass ich es mir leisten kann, wie ich immer wieder höre, stimmt also nicht.
Wie viele „Tagi“-Chefredaktoren haben Sie eigentlich schon erlebt?
Ein Dutzend ungefähr. Ich müsste nachzählen.
Und wie wenige waren gut?
Der Chefredaktor, der am loyalsten die Interessen der Redaktion vertrat, war der unscheinbare Viktor Schlumpf. Ihm gehört mein größter Respekt. Ich habe das selber einmal erlebt: Ich schrieb circa 1991 einen Leitartikel zugunsten der Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Der Titel war: „Jedes Auto weniger ist ein guter Zug.“ Daraufhin wollte der Verlag, dass Viktor Schlumpf noch eine Gegenmeinung schreibt, um die Anzeigenkunden aus der Autobranche zu besänftigen. Schlumpf weigerte sich und verhielt sich auch sonst absolut loyal zur Redaktion. Das hat dazu beigetragen, dass er 1991 von Direktionspräsident Heinrich Hächler entlassen wurde.
Wie haben Sie Roger de Weck in Erinnerung?
Ein Mann ohne Empathie, menschlich hatte ich mit ihm einige Probleme. Aber etwas muss man ihm lassen: Roger de Weck ist wahrscheinlich der wichtigste Schweizer Zeitungsreformer der letzten 25 Jahre. Seine Neuerungen beim „Tagi“ gab es zuvor nirgends in der Schweiz, zum Beispiel den täglichen Kommentar, das „Evènement“ bei Großereignissen, eine eigene Meinungsseite oder die Aufwertung von Bildern und Kulturereignissen auf der Frontseite.
Philipp Löpfe?
Philipp schätzte ich sehr. Er war gelegentlich mürrisch und als Typ verschlossen – keine idealen Züge für einen Chefredaktor. Er hat aber nie eine gute Geschichte verhindert und blieb immer Journalist.
Res Strehle?
Ich finde Res einen sehr guten Journalisten und mag ihn auch persönlich. Aber für die Redaktion hat er sich, wie ich finde, sehr wenig eingesetzt. Das empfand ich als opportunistisch – was so überhaupt nicht zu seinen linken Kommentaren passen wollte. Immerhin durfte man ihm ungestraft in der Zeitung, also öffentlich, widersprechen. Diese Kritikfähigkeit nach außen ist eine große Stärke von Res. Vor allem, weil sie bei Chefredaktoren selten ist.
Sie selber sind nie Chefredaktor geworden oder zumindest Ressortleiter. Freiwillig?
Ja. Ich wollte nie Chef werden. Aufstieg ist Abstieg. Vielleicht ist das auch ein gewisser Egoismus. Ich schreibe einfach zu gern. Davon abgesehen wäre ich ein miserabler Chef, der zur Harmoniesucht neigen und damit Konflikte schlecht austragen würde. Kritik von Kollegen ist leichter zu ertragen, glaube ich, als Kritik von Untergebenen.
Wie ging es bei Ihnen eigentlich mit dem Journalismus los?
Mit einem wütenden Leserbrief an die Zeitschrift „Music Scene“, die ich lausig fand und der ich künden wollte. Ihr Chefredaktor Markus Ganz, ein liebenswerter Mensch, rief mich am anderen Morgen an und meinte: „Mach’s besser.“ Das habe ich dann probiert und schrieb meinen ersten Artikel, ganze 30 Zeilen. Als ich ihn im Heft sah, wusste ich: Das ist es. Ich will Journalist werden.
Wie alt waren Sie da?
So um die 24. Zu der Zeit studierte ich noch Psychologie. Nach sehr vielen Artikeln im „Music Scene“, die zum Glück niemand las, weil sie unglaublich schlecht waren, begann ich dann, als Freier für den „Tagi“ zu schreiben. Begeistert, wenn auch nicht besser.
In der Kultur?
Ja. Aber ich wollte nicht über Musik berichten, bis ich im Rollstuhl ins Hallenstadion musste. Ich wollte ein richtiger Journalist werden, und das hieß für mich: ein News-Journalist. Darum machte ich 1987/88 beim „Tagi“ das Volontariat und besuchte gleichzeitig das MAZ, was beides super war. 1990 fing ich dann in der Inland-Redaktion des „Tagi“ an. Ich glaube übrigens, dass man erst dann besser wird, wenn man realisiert, wie schlecht man ist.
Warum ist nur ein News-Journalist ein richtiger Journalist?
Ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich wollte einfach das Handwerk des Journalismus lernen und fand, dass ich das am besten im Inland-Ressort konnte. Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass man das Gegenteil dessen machen sollte, wozu man neigt. Hätte ich nur Kulturjournalismus gemacht, wäre ich selbstgefällig geworden. Das gilt aber nur für mich, nicht allgemein für diese Sparte.
Stimmt es, dass Sie überhaupt nichts von Bundespolitik verstanden, als Sie als Korrespondent nach Bern gingen?
Das ist richtig. Ich war völlig ahnungslos. Aber genau diese Herausforderung suchte ich. Wer wenig weiß, muss besser fragen. Bundeshauspolitik ist auch viel interessanter, als sie sich mitunter liest. Jedenfalls haben ich und das Team uns im Bundeshaus sechs Jahre lang glänzend unterhalten. Auch mit einem Christoph Blocher, dessen Politik ich vehement ablehne, hatte ich viele gute Gespräche. Er gehört zu jenen Politikern, die im Zweiergespräch differenziert und selbstkritisch sein können, sich jedoch zum Terminator verhärten, wenn sich die Kameras auf sie richten.
Ob Inland, Kultur oder Wissen: Wer den „Tagi“ liest, hat das Gefühl, dass Sie permanent am Schreiben sind. Sind Sie Ihrem Beruf verfallen?
Das hoffe ich nicht. Wenn ich Ferien habe, bin ich faul wie eine Katze, ohne jede Entzugserscheinungen.
Sehen Sie sich als „Homme de lettres“, der über alles geistreich und elegant schreiben kann?
„Homme de lettres“? Dafür bin ich nun wirklich zu wenig gebildet. Jedenfalls nach meinen Maßstäben
Das ist jetzt Koketterie.
Überhaupt nicht. Sie dürfen nicht vergessen: Als ich anfing, trieben noch die Achtundsechziger die „Tagi“-Redaktion an. Leute wie Stefan Howald, Christian Rentsch, Peter Müller oder Christoph Kuhn. Intellektuell und von ihrer Bildung waren sie uns Jüngeren weit überlegen. Diese kritische Brillanz, die auch mit einem Machtstreben zusammenging, habe ich in dieser Konzentration nicht mehr erlebt.
Sie verfassen regelmäßig Nachrufe. Sind die zum Teil vorformuliert? Ist der für Dylan schon zu 95% fertig?
Nein, ich schreibe alle Nachrufe heiß. So werden sie viel persönlicher, viel dringender und drängender. Wenn abends um sieben die Nachricht kommt, dass Prince gestorben ist, und ich muss meinen Nachruf drei Stunden später abgeben, dann schreibe ich wirklich, was ich denke und fühle. Dann unterlaufe ich die innere Zensur und mache es instinktiv richtig. Das muss aber nicht bei allen Journalisten so sein. Mein „Tagi“-Kollege Martin Ebel konnte seinen Nachruf auf Helmut Schmidt aus der Schublade ziehen, und er war trotzdem fantastisch.
Wie war das eigentlich mit Ihrem wenig pietätvollen Text zum Tod von Ueli Steck? Wollten Sie einmal so einen richtigen Viralhit landen?
Überhaupt nicht, der Shitstorm traf mich unvorbereitet. Ich war damals einfach aufrichtig wütend über die Schweizer Medien – diese kultische Verehrung eines Mannes, den ich psychisch krank fand. Bergsteigen als quasi-meditative Begegnung mit einer lebensfeindlichen Natur – einverstanden. Aber als eine Form alpiner Raserei? Nein, das sollte man nicht noch gut finden.
Kann es sein, dass Sie ein wenig binär veranlagt sind? In der Regel finden Sie ja etwas entweder total großartig oder total daneben.
Das ist wahr. Aber ein Journalist, der keine Meinung hat, ist langweilig. Ich bin sehr gerne begeistert, und ich rege mich unglaublich gerne auf. Beim Schreiben kühlt es sich dann ein wenig ab – oder heizt sich ein wenig auf.
Stimmt es, dass Sie ohne den ersten Satz nicht schreiben können?
Schlimmer noch: Ich brauche einen Titel und einen Lead. Zumindest etwas, was ich später verbessern kann.
Fällt Ihnen das Schreiben leicht? Oder tun Sie sich damit auch schwer?
Ich tue mich ständig schwer damit. Die Angst, dass ich es nicht schaffe, ist immer da. Als ich meinen Artikel „Was von Freud bleibt“ schrieb, brachte ich monatelange keine Zeile aufs Papier. Dann löste sich etwas in mir, und ich schrieb in einem Tag 7000 Zeichen. Schreiben ist etwas Neurotisches, aber diese Selbstzweifel sind auch positiv. Wer überzeugt ist, dass er gut schreiben kann, ist ein Idiot. Ich jedenfalls kenne keinen einzigen tollen Schreiber und keine einzige tolle Schreiberin, die nicht an sich zweifeln.
Und wann wissen Sie, dass Sie nicht schlecht geschrieben haben?
Persönlich bin ich mit meinen Texten erst zufrieden, wenn sie swingen: Absatz, Absatz, Kaskadensatz, kurzer Satz, knappes Zitat, Semikolon, Fermate, Rollstopp. Für mich ist der Rhythmus das Geheimnis des Schreibens.
Stilistisch lehnen Sie sich weit hinaus. In einem Text über Jean Ziegler schrieben Sie, dass die „Schurken und Halunken der Wirtschaftselite durch seine Reden klappern wie die Skelette einer Geisterbahn“. Und Ihren Artikel über das Fluchen signierten Sie mit „Jean-Martin Fucking Büttner“.
Darum muss es doch beim Schreiben gehen: keine alten Bilder und Phrasen zu verwenden, sondern neue. Immer so zu schreiben, dass es um alles geht – so blöd das jetzt klingen mag. Und sich manchmal kindisch über einen Einfall zu freuen.
Was bei den Texten eines Psychologen auffällt: Es gibt kein „Ich“ in Ihren Artikeln. Wollen Sie kein Autor sein?
Es steht ja der Name des Autors über dem Text, oder? Ich mag die Ich-Form nicht, sie klingt eitel, egoistisch, außerdem soll sich ein Autor nicht zwischen die Sache und die Lesenden schieben. Ich bin in meiner Branche umgeben von gellenden, geschwätzigen Selbstinszenierern, da braucht es mein Ego nicht auch noch. Ich gebe aber zu, dass die Man-Form auch nicht immer funktioniert.
Sie gelten „Tagi“-intern als Stil-Talib. Stimmt es, dass Sie eine Liste mit verbotenen Formulierungen führen?
Nein, das steht mir ja gar nicht zu. Aber was stimmt: Ich kann tatsächlich wegen schlechter Sprache und falschen Bildern toben. „Die Armee saß auf der Anklagebank“ – das ist einfach ein schiefes Bild. Oder: „Die FDP will den Staat fitter machen“ – das ist Ideologie. Sprachlich ist im Journalismus heute so viel mehr möglich als noch vor zehn Jahren. Das muss man doch nutzen. Gleichzeitig ist es aber auch gefährlich, gut zu schreiben.
Warum?
Wer gut schreibt, kann auch bluffen und seine mangelnde Kompetenz überspielen. Ohne jetzt mein eigenes Schreiben stilistisch beurteilen zu wollen: Ich bestehe darauf, meine Texte Kolleginnen und Kollegen zum Gegengelesen zu geben, das können auch mehrere aufs Mal sein. Ich würde mich niemals trauen, über so viele Themen zu schreiben, ohne die Versicherung derer zu haben, die viel kompetenter sind als ich. Das Gemeine an unserem Beruf ist ja, dass Leute, die extrem viel wissen, aber nicht schreiben können, untergehen. Wer aber schreiben kann, wird lieber gelesen, auch wenn er weniger weiß.
Sprechen wir über Ihren längsten Text: Wie in aller Welt kamen Sie dazu, 675 Seiten über „Sänger, Songs und triebhafte Rede“ zu schreiben?
Ich gebe zu, dass meine Dissertation über die Psychoanalyse des Rock’n’Roll Ausdruck einer ungeheuren Disziplinlosigkeit war. Ich habe jedes Maß verloren, es war eine Orgie des Hörens, Denkens und Formulierens. Aber es hat einfach solche Freude gemacht, alles zu schreiben, was ich schreiben wollte. Das Glück bestand auch darin, dass ich Joni Mitchell, David Byrne, Elvis Costello, Tom Waits, Nick Cave und all den anderen als Journalist Fragen stellen konnte, die mich in meiner Dissertation beschäftigten. Welcher Akademiker hat schon diese Möglichkeit?
Was muss passieren, dass Jean-Martin Büttner nach über 30 Jahren den „Tagi“ verlässt? Wollen Sie wirklich bis zur Pensionierung dortbleiben?
Wo soll ich denn Ihrer Meinung nach hin? Ich liebe den „Tagi“, bei allen Einwänden und Enttäuschungen, außerdem schätze ich die Leute über alles, die dort arbeiten.
Angenommen, Sie hätten Kinder: Würden Sie ihnen 2017 noch raten, Journalist zu werden?
Selbstverständlich. Das ist der beste Job der Welt. Natürlich sind die Arbeitsbedingungen nicht mehr so wie in den 1980er Jahren. Aber ich warne vor der Verklärung. Damals war die politische Zensur noch brutal. Bei einer Glosse gegen das Militär musste man vorher zum Chefredaktor. Auch der Druck von Inserentenseite war enorm. Hinzu kamen die technologischen Einschränkungen: Kein Handy, kein E-Mail, kein elektronisches Archiv, nichts. Wenn mir als Westschweizkorrespondent der Genfer Staatsrat nicht zurückrufen konnte, weil mein Telefon besetzt war, dann war’s das. Aber ich wiederhole gern: Journalismus ist der beste Beruf der Welt. Als Journalist habe ich es jeden Tag mit Leuten zu tun, die viel mehr wissen als ich. Gerade konnte ich mich etwa mit einem Psychiater über die Möglichkeiten unterhalten, psychisch kranke Menschen zuhause zu betreuen. Wenn ich nicht Journalist wäre, hätte er sich für meine Fragen niemals diese Zeit genommen. Journalismus ist bezahltes Lernen. Und dafür bin ich jeden Tag dankbar.
Auf ein Interview mit Bob Dylan warten Sie aber immer noch. Warum diese fast 40-jährige Faszination für einen Sänger, der nicht singen kann?
Dass ich Dylan verkläre, ist ein hartnäckiges Vorurteil. Ich bin Journalist, kein Fan. Wobei ich zugebe: Dass ich ihn 30 Mal live gehört habe, spricht entschieden gegen diese Behauptung. Aber: Ich habe Dylan schon oft kritisiert und schrieb über ihn auch in einer Serie mit dem Titel „Überschätzt“. Seine Stimme ist in den letzten zehn Jahren zu einem Folterinstrument verkommen. Warum tut er sich und uns das an? Glauben Sie mir: Ich kann heiter sterben, ohne Bob Dylan interviewt zu haben.

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